Bericht: Architektur und Kunst in Kopenhagen und Umgebung 


Lehrerfortbildung des Landesverbandes Sachsen-Anhalt
30.09. – 5.10.2016

Am Nachmittag des 30. September erreichten wir Kopenhagen. Ohne Verzug begann eine zweistündige Stadtführung, die uns erste Eindrücke von der dänischen Hauptstadt vermittelte. Besichtigt wurde die Liebfrauenkirche (Vor Frue Kirke). Das nüchterne klassizistische Äußere birgt einen Schatz: die Marmorstatuen von Bertel Thorvaldsen (1770-1844), darunter den berühmten „Segnenden Christus“. Natürlich durfte bei der Stadtrundfahrt ein Besuch der „Kleinen Meerjungfrau“ nicht fehlen. Da sitzt sie nun am Ufer eines breiten Hafenbeckens und lässt geduldig das Fotografieren durch Scharen von Touristen über sich ergehen. Während der Rundfahrt vermittelte uns die einheimische Stadtführerin auch einiges über den Alltag in Dänemark. Dass der dänische Wohlfahrtsstaat freilich auch seinen Preis hat (hohe Steuern) bemerkten auch wir spätestens beim Besuch eines Restaurants. Für einen halben Liter Bier sind dann schon umgerechnet 7 bis 8 € zu berappen.
Am Tag 2 in Kopenhagen setzten wir das Kennenlernen dieser Stadt fort. Zwei Königsschlösser standen zur Besichtigung an: Christiansborg und Amalienborg. Christiansborg dient hauptsächlich repräsentativen Zwecken, in Amalienborg hingegen befinden sich die persönlichen Wohnräume von Königin Margarethe II. und ihrer Familie sowie die des Kronprinzessinnen-Paares. Im Großen Empfangssaal des Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Schlosses Christiansborg beeindruckten vor allem die 11 modernen Wandteppiche, die bis 1990 nach den Skizzen von Bjørn Nørgaard (geboren 1947) entstanden und die dänische Geschichte von der Wikingerzeit bis zur Gegenwart zum Inhalt haben. 
Schloss Amalienborg ist etwas älter. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand eine Art Vierflügelanlage, im hier recht nüchternen Rokokostil. Einer dieser Flügel ist museal eingerichtet und gibt Einblicke ins häusliche Leben der königlichen Familie um 1900. 
Den Abschluss des Tages bildete eine Kahnfahrt durch die Kanäle Kopenhagens, die eine Betrachtung der Architekturen der Stadt aus ganz eigener Perspektive ermöglichte. Von den historischen Bauten seien hier nur die Christianskirche (1759) mit ihrem markanten Turm erwähnt, sowie der 1640 fertiggestellte Renaissancebau der Börse, eines der ältesten erhaltenen Bauwerke der Stadt. Vor allem aber ließen sich vom Boot aus viele Beispiele moderner Architektur bewundern. Auch hier nur zwei besonders imposante Beispiele: Das neue Schauspielhaus (eröffnet 2008) und, besonders eindrucksvoll, die 2004 fertiggestellte Oper (Architekt Henning Larsen). Beide Gebäude bilden ebenso harmonische wie dramatische Kontrapunkte auf sich gegenüberliegenden Ufern der Kopenhagener Hafenfront.
Am Vormittag des 3. (etwas verregneten) Tages erlebten wir, quasi als willkommenes Schlechtwetterprogramm, die Ny Carsberg Glyptothek. Offenbar hatte deren Gründer, der Brauereibesitzer Carl Jacobsen, genügend Gemeinsinn, um seine Kunstschätze der Allgemeinheit  zu öffnen (und auch genügend Geld, um sie vorher zu erwerben). Der Bogen der Skulpturensammlung spannt sich vom alten Ägypten über die griechisch-römische Antike bis zu Skulpturen der Klassischen Moderne.
Auch der Nachmittag war einem Museum vorbehalten, dem 1996 eröffnete Arken. Schon äußerlich beeindruckt das futuristisch anmutende, im Stil des sogenannten Dekonstruktivismus erbaute Gebäude (Architekt S. R. Lund) inmitten einer herben Dünenlandschaft an der Ostsee. Zum Zeitpunkt unseres Besuches dominierten hier zwei Sonderausstellungen dänischer Künstler/-innen: Gerda Wegener (1886 – 1940) und Martin Bigum (geb. 1966). Lebensfrohe Bilder mit oft erotischen Sujets, teilweise bis an die Grenze der Pornografie, charakterisieren das Werk von G. Wegener. Die Bilder Bigums hingegen, gemalt mit leuchtender Expressivität, sind oft rätselhaften, manchmal verstörenden Inhalts. Das kennzeichnete besonders den 1995/96 entstandenen umfangreichen Zyklus „Millenium“.
Kopenhagen ist recht rar an älteren historischen Bauten aus der langen dänischen Geschichte. Zeugen aus dieser Zeit hofften wir am 4. Tag in Roskilde, der nur 30 km westlich gelegenen historischen Hauptstadt Dänemarks (bis 1443), zu finden. Und tatsächlich hat Roskilde Hochkarätiges zu bieten: die 1280 fertiggestellte, zum Weltkulturerbe der UNESCO zählende Domkirche. Sie gilt als erster Kirchenbau Skandinaviens im Stil der Backsteingotik. Nur leider war die Kirche ausgerechnet am Tage unseres Besuches geschlossen. Eine herbe Enttäuschung! So blieb uns nur, den Bau außen zu umrunden. Zudem erfuhren wir von der örtlichen Stadtführerin viele Details aus der dänischen Geschichte, z. B. dass im Mittelalter der Machtbereich Dänemarks bis England reichte. Um diese Zeit etwas lebendig werden zu lassen, führte sie uns zum Ufer des Roskildefjords, wo das Wikingerschiffsmuseum recht anschaulich die Zeit um das Jahr 1000 lebendig werden lässt. Ansonsten präsentiert sich Roskilde als kleine, etwas verschlafen wirkende Stadt, die den Besucher mit ihren vielen reetgedeckten Häusern ein bisschen in die Zeit Hans-Christian Andersens zurückversetzt. Der Kontrast zum pulsierenden Kopenhagen mit seinen Touristenströmen könnte größer kaum sein.
Am 5. Tag ging es in nördlicher Richtung auf einer traumhaft schönen Küstenstraße entlang des Öresunds zunächst nach Helsingør. Ziel war hier das Schloss Kronborg. Es liegt in exponierter Lage direkt an der engsten Stelle des hier nur 4 km breiten Öresunds. Gegenüber ist die schwedische Stadt Helsingborg sehr gut zu sehen. Nun aber anzunehmen, dass Kronborg eine dänische Grenzfeste war, ist falsch. Die gegenüberliegende schwedische Provinz Schonen (Skåne) gehörte nämlich bis 1658 ebenfalls zu Dänemark und wurde erst 1710 endgültig Schweden angegliedert. Vielmehr diente sie seit 1429 als Zollfeste für den Schiffsverkehr auf dem Öresund und war nach Umbau im Renaissancestil (1574-1585) auch königliche Residenz. Da es bei Shakespeare Ort der Handlung seines „Hamlet“ ist, gab es hier immer wieder bedeutende Aufführungen dieses Stückes. Künstlerisch vielleicht wertvollste Exponate der Innenausstattung sind eine Serie von Wandteppichen (1581-1586), die die Historie der dänischen Könige darstellen  und auch deshalb interessant sein dürften, da sie als Hintergrundmotive Szenen des damaligen Alltagslebens abbilden.
Der Nachmittag dieses Tages galt einem Besuch des ebenfalls am Öresund gelegenen Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk. Es gilt als bedeutendstes Museum für moderne Kunst in Dänemark und hat auch internationalen Rang. Wie Schloss Kronborg liegt auch das Museum direkt am Öresund, zu dem sich ein Skulpturenpark, der eine Vielzahl von Werken namhafter Künstler (u. a. Max Ernst, Jean Arp und Henry Moore) birgt, in Hanglage hin neigt. Stahlender Sonnenschein machte das Verweilen in diesem Park zum besonderen Erlebnis. Das Innere des Museums birgt ein Labyrinth von Ausstellungsräumen, in denen, ähnlich wie auch in Arken, hochkarätige Wechselausstellungen zu sehen sind. In diesen Tagen war es z. B. eine sehenswerte Retrospektive des deutschen Künstlers Daniel Richter (geb. 1962).
Was von dieser Exkursion bleibt sind die vielfältigen Eindrücke unseres nördlichen Nachbarlandes. Die Reise erweiterte unseren Horizont wieder um ein Stückchen, nicht nur auf dem Gebiet der Kunst im engeren Sinne, sondern auch Gesellschaft, Kultur und Geschichte. Nur durch dieses allgemeine Verständnis, das wissen wir ja alle, lässt sich auch Kunst wirklich verstehen und die Liebe zu ihr im Unterricht weitergeben.
Nicht zuletzt sei an dieser Stelle unser Dank all jenen ausgesprochen, die mit organisatorischer Hingabe, ob zu Hause oder im Bus, zum Gelingen dieser Reise ganz wesentlich beigetragen haben.

Bericht: Dagmar und Klaus Hartung

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