Stellungnahme: Neuer Fachlehrplan Gymnasium

Foto: Raisa Galofre

Foto: Raisa Galofre


Stellungnahme des BDK e.V. Fachverband für Kunstpädagogik

Landesverband Sachsen-Anhalt
zum neuen „Fachlehrplan Kunsterziehung“


Wir plädieren für eine Umbenennung des Faches „Kunsterziehung“ in „Kunst“. Sehr viel stärker impliziert diese Bezeichnung einen zeitgemäßen Unterricht. Umgangssprachlich hat sich die Fachbezeichnung „Kunst“ bereits durchgesetzt.

Zu Teil 1 und Teil 2 des Lehrplans:
Der Grundlagentext zielt auf einen zeitgemäßen innovativen Kunstunterricht, welcher die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung unterstützt. Auch die fachbezogenen Kompetenzen werden sehr gut erklärt. Der Begriff „Kunst“ taucht leider nur am Rande auf und wird unter den Begriff „Bild“ subsumiert. Erst auf Seite 4 wird darauf hingewiesen, dass der Bildbegriff für jede Darstellungsform in Fläche, Raum und für visuell geprägte Informationen sowie Prozesse visueller Erfahrungen verwendet wird.
Durch die tradierte Fassung des Begriffes Bild erscheint der Lehrplan sehr bildorientiert und dabei vor allem auf zweidimensionale Objekte fokussiert (z.B. S. 12: „Bilder der eigenen Kultur und anderer Kulturkreise formal beschreiben“, „Bilder nach dem Prinzip Vorbild und Nachahmung nutzen“, „Bilder nach ihren Motiven und Darstellungsformen beschreiben“) Sind hier immer auch Werke der Plastik, Architektur, Installation und Performancekunst gemeint? Dies könnte unseres Erachtens deutlicher werden.
Im Grundlagentext fehlen zudem Hinweise zum Umgang mit dem Lehrplan, die folgende Fragen klären müssten.
Kann der Lehrplan frei verwendet werden, um daraus einen schulinternen Lehrplan aufzustellen, der einige Inhalte möglicherweise nicht berücksichtigt?
Sollen die Kompetenzschwerpunkte in ihrer dargestellten Abfolge der Reihe nach „abgearbeitet“ werden?
Können die Kompetenzschwerpunkte zugunsten einer intensiveren Bearbeitung und individuellen Kompetenzeinübung reduziert werden?
Können die grundlegenden Wissensbestände an beliebiger Stelle vermittelt, geübt und angewandt werden oder gehören diese zwingend zu dem jeweiligen Kompetenzschwerpunkt?
Gibt es Pflicht- und Wahlthemen?
Sind Unterrichtsgänge, Exkursionen, Studienfahrten, Vernetzung mit anderen Fächern, Beteiligung an Wettbewerben und Formen des offenen Unterrichts für die Umsetzung des Lehrplans notwendig?
Haben sich durch die Kompetenzorientierung des Lehrplans Bewertungsstrategien verändert und wo sind diese für das Fach gegebenenfalls zu finden?

Zu Teil 3 des Lehrplans
Dieser Teil erscheint inhaltlich überfrachtet und zu kleinteilig angelegt, so dass die Umsetzung der Zielformulierten von Teil 1 und 2 zeitlich schwierig wird.
z.B:  S. 5: Voraussetzung für einen „kreativen Handlungsprozess“ sind Übung und Orientierung. Dies sollte zeitlich berücksichtigt und formuliert werden. S.6: „Ein umfangreiches (!) Repertoire an Gestaltungsmitteln…usw. bewusst anwenden“ ist nur möglich, wenn die Stundenzahl des Faches Kunst erhöht wird.  S. 7: Für verstärkte Reflexion zur eigenen Produktion benötigt man ebenfalls Zeit.
Die Kompetenzschwerpunkte „Individuum und Kultur“, „Individuum und Natur“ und „Raum und Zeit“ sind unscharf gefasst und schwer voneinander zu trennen.
Folgende Einteilung wäre leichter nachvollziehbar und könnte durch die Lehrperson inhaltlich auf die Lerngruppe abgestimmt werden:

Fläche (Grafik, Malerei)
Raum (Plastik, Architektur)
Zeit (Performance, Aktionskunst, zeitbasierte Medien)

oder

Mensch und Umwelt
Design und Medien
Raum und Zeit

Design und Architektur sollten mit Aspekten der Bildung für nachhaltige Entwicklung verknüpft werden.
Ausführungen zur Wochenstundenzahl fehlen, so dass eine Einschätzung zur Erreichbarkeit der Lehrplanziele kaum möglich ist.
Der Lehrplan ist stark auf Design und neue Medien fokussiert, bleibt aber in den konkreten Themenvorschlägen hinter dem Anspruch eines zeitgemäßen Umgangs mit diesen Themenbereichen zurück.
Für Klasse 9 ist der Plan bei einer Wochenstunde zu voll. Tiefdruck sollte in Klasse 10 verlegt werden.
In Klasse 11 und 12 werden nur Inhalte der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts vermittelt. Möglicherweise fehlt dafür Grundlagenwissen, welches in den Klassen 5-10 nur in Ansätzen und ausgewählt behandelt wurde. Positiv ist hervorzuheben, dass kunstgeschichtliche Sachverhalte den Jahrgängen zugeordnet werden.

Mögliche praktische Probleme hinsichtlich der Umsetzung des neuen Lehrplans:

Der Lehrplan stellt hohe Anforderungen an die Lehrkräfte, sowohl inhaltlich als auch praktisch. Insbesondere in den Bereichen Performance, Fotografie und Film, Medienkunst, 3D-Konstruktionsprogramme, Cross-over-Projekte und Bildanthropologie als Analysemethode sind ganz- oder mehrtägige Fortbildungen nötig, die nicht nur außerhalb der Arbeitszeit stattfinden können. Handreichungen und Beispielaufgaben wären ebenfalls sehr hilfreich.
Die Ausstattung der Schulen muss verbessert werden, so dass alle Schülerinnen und Schüler im Kunstunterricht mit digitalen Medien arbeiten können.
Die Kursstärken der Kunstkurse der gymnasialen Oberstufe sind zu groß, um individuelle künstlerische Prozesse zu begleiten.
Das Thema „Gestaltung und Präsentation in öffentlichen Räumen“ des 4. Kurshalbjahres in der Oberstufe wurde positiv aufgenommen, ist allerdings stark von den Örtlichkeiten und Räumlichkeiten der Schulen abhängig.

Wir hoffen, dass unsere Anmerkungen und Einwände Eingang in die endgültige Fassung des neuen Lehrplans finden und vielfältige finanzielle, strukturelle und inhaltliche Hilfen für die praktische Umsetzung aller Neuerungen zur Verfügung stehen werden.

Für den BDK e.V. Landesverband Sachsen-Anhalt
Christiane Küstner

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